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Berufsbezogene Deutschkenntnisse in der Pflege

Handlungsfähigkeit und Entscheidungskompetenz durch Sprachbeherrschung

Wer in Deutschland in einem Pflegeberuf tätig sein möchte, muss über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Nach GER (Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen) sind dies B2-Kenntnisse. Allerdings zeige die Praxis, so Roche (2014), dass ein entsprechendes Sprachzertifikat nicht gleichbedeutend ist mit guten kommunikativen Kompetenzen. Dies treffe schon gar nicht auf die Fach- und Berufssprache zu, denn die Bewertungskriterien von gängigen Sprachtests decken den Umfang des Wortschatzes, die kommunikativen Spielregeln und die Konzeptwelten verschiedener Sprachen nur unzureichend ab. Da Pflege mehr als rein verrichtungsorientiertes Handeln ist, weil fast jeder Aspekt der Pflege kommunikative Anteile hat (Abt-Zegelin, 1997), müssen Angehörige von Pflegeberufen neben guten Fachkenntnissen über umfassende fachsprachliche Kompetenzen verfügen, wozu auch die alltagssprachliche Kompetenz zählt. Folgende Kommunikationsbereiche verdeutlichen die hohen sprachlichen Anforderungen: Pflegende müssen ständig zwischen der intrafachlichen, der interfachlichen und der Experten-Laien-Kommunikation switchen. Internationalisierung und das Zusammenwachsen Europas machen die Pflegelandschaft bunter, führen aber zu Verstehens- und Verständigungsprozessen mit und bei Kollegen/Kolleginnen nichtdeutscher Muttersprache – wobei anerkannte Pflegefachkräfte oftmals größere alltagssprachliche als fachsprachliche Probleme beklagen (Haider, 2010). Verständlich, denn wir alle sind in unserer jeweiligen Muttersprache in einem langjährigen Prozess sozialisiert worden. Werden deutsche Fachwörter verwendet, die oftmals der Alltagssprache entnommen sind und daher nicht sofort als Fachwörter erkennbar sind, wird es schon schwieriger. Hier zeichnet sich die Problematik einer sich noch entwickelnden Pflege(fach)sprache ab, die selbst bei deutschsprachigen Pflegenden mitunter für Verwirrung sorgt. Die Alltagssprache ist der `Kit´ aller Fachsprachen – denn sonst wären Fachsprachen nichts weiter als die Aneinanderreihung fachsprachlicher Ausdrücke. Unter den Flüchtlingen, die derzeit nach Deutschland kommen, ist ein Großteil nicht lateinisch, sondern z.B. arabisch alphabetisiert. Alphabetisierungs- und Integrationskurse bieten ihnen die Chance, Sprachkenntnisse auf B1-Niveau zu erlangen. Eine ideale Möglichkeit, durch Rekrutierung künftiger Fachkräfte dem Fachkräftemangel zu begegnen, und zwar mit gut durchdachten didaktischen Konzepten. Sprachliche Schwierigkeiten behindern nicht nur das Miteinander, sie können auch negative Konsequenzen haben. So führen Missverständnisse durch mangelhaften (Fach)wortschatz mitunter zu falsch verstandenen Pflegehandlungen. Haider (2010) verweist auf einen Fall, bei dem das Fachwort `Einlauf´ fälschlich als `Spaziergang´ aufgefasst wurde, nämlich „einen Lauf machen“. Roche (2014) geht auf einen weiteren nicht unwesentlichen Punkt ein, und zwar wie sich unterschiedliche interkulturelle Auffassungen der Bildungs-, Wissenschafts- und Berufskulturen und Wertevorstellungen zu Selbständigkeit, Eigenverantwortung, kritischer Reflexion auswirken. Dies betrifft auch den Umgang mit Hierarchien und dementsprechend die Dienstauffassung. Ein Thema, dem im berufsbezogenen Sprachunterricht Beachtung geschenkt werden sollte. Berufsbezogener Sprachunterricht soll daher nicht nur fachlich und fachsprachlich – inklusive alltagssprachlicher Aspekte –, sondern auch interkulturell ausgerichtet sein. An dieser Stelle sei auf die Unterschiede zwischen DaZ- und DaF-Unterricht verwiesen. DaF-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache) ist gesteuerter Sprachunterricht, bei dem systematisch die Grammatik eingeübt wird. Erst danach werden die Sprachkenntnisse in der Praxis angewandt. Im Gegensatz dazu ist DaZ-Unterricht (Deutsch als Zweitsprache) praxistaugliches Sprachtraining. In unserem Fall werden berufsbezogene Kommunikationssituationen eingeübt, die wiederum Grundlage pflegerischer Tätigkeiten und Handlungen sind. Deutsch wird vorwiegend in Form von Sätzen, Teilsätzen, Phrasen, spezifischen Floskeln – sogenannten Chunks – gelehrt. Die Grammatik ist darin enthalten, wird aber nicht gesondert „eingetrichtert“. Vorteil eines solch szenarien-didaktischen, fallbasierten Unterrichts ist, dass die tatsächliche Kommunikation im Mittelpunkt steht. Authentische Praxisbeispiele lassen sich in Partner- oder Gruppenarbeit mit Workshop-Charakter sehr gut einüben. Keine der vier Fertigkeiten nach GER, nämlich Sprechen, Lesen, Hörverstehen, Schreiben sowie Grammatik, Rechtschreibung, Syntax und Fachterminologie wird vernachlässigt. Dass Lehrende neben Fachkompetenz auch über sprachwissenschaftliche Kenntnisse verfügen sollten, erweist sich in der Praxis als sehr hilfreich. Einige besonders wissbegierige Teilnehmer/-innen stellen sehr komplexe Fragen, die differenzierte Antworten erfordern. Daneben gilt es aber auch, fachliche Defizite zu erkennen und in den Unterricht mit aufzunehmen. Hierzu zählen mangelhafte Kenntnisse des Pflegeprozesses, der gängigen Pflegemodelle oder der relevanten Gesetzgebung. Dass der berufsbezogene Sprachunterricht auf allen Ebenen dynamisch gestaltet werden muss, liegt auf der Hand und verlangt den adäquaten Einsatz und situativen Wechsel der Sozialformen, die Binnendifferenzierung und eine gute Unterrichtsfeinplanung. Als Sprachtrainerin und Multiplikatorin für die Entbürokratisierung der Pflegedokumentation schule ich u.a. im Auftrag renommierter Bildungseinrichtungen wie dem bpa Teilnehmer/-innen deutscher und nichtdeutscher Muttersprache. Mein Sprachkonzept basiert auf oben genannten Kriterien, so dass ich nach einer Basis-Sprachschulung der Teilnehmer/-innen, die zu Beginn formal über B1-Kenntnisse verfügen, Spezialthemen wie das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation aufgreifen kann – ein gut lehr- und lernbares Modell, weil es fachlich überzeugend und logisch aufgebaut ist. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass berufsbezogener Deutschunterricht auch in stark heterogenen Gruppen sehr gut funktioniert und dass neben den erwünschten Zielen ein hoher Zufriedenheitsgrad erreicht werden kann. Wichtig ist, die Binnendifferenzierung, die Handlungsorientierung und die Interkulturalität zu beachten.Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?Literaturverzeichnis:Abt-Zegelin, Angelika; Schnell, Martin (Hrsg.) 1997: Sprache und Pflege. Sommerforum 1995. Berlin: Ullstein Mosby.Haider, Barbara (2010): Deutsch in der Gesundheits- und Krankenpflege. Eine kritische Sprachbedarfserhebung vor dem Hintergrund der Nostrifikation. Wien: facultas wuv.Roche, Jörg (2014): Sprache und Beruf. Bayerisches Ärzteblatt, 2014, Nr. 6, S. 316-318.

Autorin: Angela Graw

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